Wald, humusreiche Böden oder Moore – sie alle lagern Kohlenstoff ein. Doch diese natürlichen Speicher sind schwer in Mitleidenschaft gezogen. Zahlreiche Studien und Projekte beschäftigen sich mit klimafitten Wäldern, Humusaufbau und der Renaturierung von Mooren. Der Markt für CO₂-Zertifikate könnte dabei helfen.
Wenn es um natürliche CO2-Senken geht, ist in Österreich der Wald der wichtigste Faktor. Er nimmt mit vier Millionen Hektar fast die Hälfte der Landesfläche ein. „Doch seit der letzten Waldinventur 2016-2021 ist der Holzvorrat in Österreich erstmals rückläufig“, erklärt Matthias Braun vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft (BMLUK). Der Treibhausgas-Inventur 2025 zufolge bilanzierte die Kohlenstoffsenke Wald seit 2018 in mehreren Jahren als Netto-Quelle für Treibhausgase. Global ist die Entwaldung – besonders schlimm in Südamerika, Zentralafrika und Südostasien – für 16 Prozent der anthropogenen Treibhausgasemissionen verantwortlich.
Kranker Wald. „Das ist ein besorgniserregender Trend. Den Wald-Ökosystemen wird durch Hitze, Trockenheit und Dürren stark zugesetzt. Das mindert das Wachstum. Hatten wir in den 1990er-Jahren noch einen Zuwachs von bis zu 40 Millionen Tonnen CO2, sind es nun bestenfalls 35 Millionen Tonnen“, so Braun. Dem gegenüber steht ein Abgang von zuletzt 36 Millionen Tonnen CO2 – ein massiver Anstieg im Vergleich zu den 1990er-Jahren mit 20 bis 25 Millionen Tonnen.
„Die Erderwärmung schreitet in Österreich deutlich schneller voran als im globalen Durchschnitt (+3,1 °C Temperaturanstieg seit 1900) und wirkt sich bereits spürbar aus“, verweist Harald Vacik vom Institut für Waldbau der BOKU University auf den Zweiten Österreichischen Sachstandsbericht zum Klimawandel. „Die Häufigkeit und Intensität von Extremwetterereignissen wie Hitze, Dürre oder Starkregen hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen und wird sich mit fortschreitendem Klimawandel auch in den heimischen Wäldern weiter verstärken. In alpinen Tälern nehmen Überschwemmungen und Muren zu, die Waldbrandgefahr wird aufgrund von Hitzewellen und einem sich veränderndem Niederschlagsmuster steigen.“
Strich durch die Rechnung. Das Thema lässt in Wissenschaft, Politik und Verwaltung die Köpfe rauchen. Ursachen und mögliche Gegenmaßnahmen werden untersucht, berechnet und hitzig diskutiert. Der Zuwachs an Biomasse unterliegt immer großen Schwankungen, doch bis vor wenigen Jahren konnte man mit einigen Millionen Tonnen in Holz und Waldböden eingelagerten CO2 rechnen. Nun sei der Wald als Kohlenstoffsenke keine „sichere Bank“ mehr in den Klimaschutz-Planungen, erläutert Vacik. „Die derzeit diskutierten Klimaschutzmaßnahmen reichen daher nicht aus, um Netto-Nullemissionen in Österreich zu erzielen. Es braucht daher weitere Maßnahmen, um die Reduktionslücke von bis zu 10,4 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent bis 2030 zu decken.“
Seit langem schon wird die große Bedeutung standortgerechter und dürreresistenter Baumarten für die Zukunft unserer Wälder hervorgehoben. Besonders im Alpenraum, so Vacik, gebe es auch viele überaltete Bestände mit weniger an Zuwachs als in jüngeren Wäldern, die eine Erneuerung zur Erhaltung der Schutzleistung benötigen. In Hinblick auf die Senkenwirkung reduzieren höhere Temperaturen die Photosyntheseleistung der Bäume, der Abbau von organischem Material im Boden wird dagegen beschleunigt.“ Besonders wichtig sei es daher, Schadflächen nach Sturmwurf oder mit Borkenkäferbefall rasch mit geeigneten Baumarten zu begründen.
Kann es sein, dass in Österreich auch zu viel Holz geschlagen wird? Nein, ist Braun überzeugt: „Allein im vergangenen Jahr machte Schadholz 55 Prozent des gesamten Einschlags aus.“ Auch Vacik sagt: „Die Holzentnahme orientiert sich immer am ‚Nachhaltigkeitshiebsatz‘.“ Es werde also nicht mehr Holz entnommen, als nachwachsen kann. Aber: „Wenn außergewöhnliche Stürme erst spät im Oktober eines Jahres auftreten – was immer wahrscheinlicher wird –, kann das nicht mehr ausgeglichen werden.“
Gegensteuern. Werner Pölz beschäftigt sich beruflich und auch als Nebenerwerbswinzer mit Klima- und Umweltschutz. Seine Antwort auf die zunehmende Hitze lautet Begrünung und Gründüngung zwischen den Weinstöcken. „Die Pflanzen aus lokalem Saatgut senken die Bodentemperatur, schützen so die Rebstöcke vor Hitzestress und sorgen für Stickstoffdüngung. Bei meiner nachhaltigen Bewirtschaftungsform wird Humus aufgebaut, und der Boden kann bei Starkregen weit mehr Wasser aufnehmen“, beschreibt Pölz sein System, das gleichzeitig sowohl dem Klimaschutz als auch der Klimawandelanpassung dient.
Humusaufbau ist auch ein Spezialgebiet von Margit Krobath, KEM-Managerin der Ökoregion Kaindorf. Die Region startete bereits 2007 ihr Humusaufbauprojekt. Was mit drei Hektar Ackerland begann, wird inzwischen von 414 Landwirt:innen auf 5.413 Hektar praktiziert. 21.500 Tonnen CO2 konnten bislang eingelagert werden. „Würde man auf der gesamten österreichischen Ackerfläche ein Prozent Humus aufbauen, könnte man der Atmosphäre enorme Mengen CO2 entziehen“, rechnet Krobath.
Kompensationsgeschäfte. Sehr früh entwickelte man in Kaindorf auch Humuszertifikate für den freiwilligen Markt als zusätzliche Motivation für Landwirt:innen mitzumachen. Aktuell ist Krobath an einer Machbarkeitsstudie zur Zertifizierung von Holzbauteilen als temporäre CO2-Speicher beteiligt. Ein Kubikmeter Holz entspricht etwa einer Tonne CO2.
Zertifikate können auch hilfreich bei der Renaturierung von Mooren sein. Das Institut für Wald-, Umwelt- und Ressourcenpolitik der BOKU University untersuchte diesbezügliche Projekte in Deutschland (MoorFutures) und der Schweiz (max.moor). Die Studie „Moorrenaturierung mit Kohlenstoffzertifikaten“* berichtet auch über erste österreichische Ansätze (EU-LIFE-Projekt AMooRe), die Wiedervernässung durch Moore über Zertifikate (mit-)zufinanzieren. Etwa 90 Prozent der einstigen Moorflächen wurden hierzulande trockengelegt. Die meisten dienen als landwirtschaftliche Flächen.
Qualitätssicherung. „Der Markt für freiwillige CO₂-Zertifikate erlebt eine rasante Entwicklung“, heißt es darin. Leider jedoch sind nicht alle Anbieter:innen seriös. Auf EU-Ebene läuft daher ein Prozess im Rahmen der EU Carbon Removals and Carbon Farming Certification (CRCF) Regulation, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Nächstes Jahr starten erste Zertifizierungen für Anbieter:innen auf dem freiwilligen Zertifikatemarkt. Ab 2028 sollen sich seriöse Organisationen und Unternehmen bei der EU registrieren lassen können. Das ermöglicht es dann auch Unternehmen, die dem verpflichtenden Europäischen Emissionshandel unterliegen, in Humusaufbau, Moore oder Wälder zu investieren.
Die Biodiversität, gesündere Acker- und Waldböden, der Erholungswert und touristische Nutzungsmöglichkeiten wären weitere Gründe, um derartige Projekte zu unterstützen. Doch Reichtum dürfen sich Land- und Forstwirt:innen oder Moorschützer:innen aus dem Zertifikatehandel nicht erwarten. Selbst wenn deren Preise künftig kräftig steigen, gilt weiterhin: CO2 auszustoßen geht sehr schnell, die Einlagerung im Boden aber braucht viel Zeit.
* Nordbeck, R. (2025): Moorrenaturierung mit Kohlenstoffzertifikaten: welchen Beitrag können freiwillige regionale Kohlenstoffmärkte leisten? Endbericht von StartClim2024.F in StartClim2024: Biodiversität, Klimakippeffekte und sozioökonomische Klimaindikatoren, Auftraggeber: BMK, BMWFW, Klima- und Energiefonds, Land Oberösterreich.
Weitere Informationen:
Zweiter Österreichischer Sachstandsbericht zum Klimawandel
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